Am Ende ist jedes Handballspiel wie ein Marathonlauf. Manchmal
reichen gute fünf, zehn Minuten, um es für sich zu entschieden: Man baut einen Vorsprung auf, der nicht aufholbar erscheint, und zack, hat der Gegner den eigenen Sieg abgeschrieben und trabt nur noch halbherzig mit riesigem
Abstand ins Ziel.
Manchmal jedoch bleibt es bis zur letzten Minute spannend: Die
Gegner schenken sich nichts, es ist ein Kopf-an-Kopf-Rennen, und am Ende entscheidet
eine glückliche Brise Rückenwind darüber, wer als Sieger ins Ziel geht.
So seltsam es klingt: Das Spiel der SSSG Humboldt und der Sp.Vg. Blau-Weiß
1890 III hatte etwas von beidem.
Ausgetragen an einem Dienstag in der Heimhalle der SSG
Humboldt, mussten beide Mannschaften erst einmal den harten Arbeitstag aus den
Knochen kriegen. Bei den Spielern von Blau-Weiß funktionierte das wohl ganz gut,
in den ersten zehn Minuten erzielten vier unterschiedliche Schützen fünf Tore. Bei
Humboldt wurden alle drei Tore der ersten zehn Minuten von einem Schützen
erzielt, namentlich von Neetzow, der recht ausgeschlafen wirkte, was natürlich nicht
mit seiner Tätigkeit als Beamter zu erklären ist.
Ansonsten blieb Humboldt zahnlos im Angriff: Neetzows Mittelblock-Partner
Kunert konnte sich lediglich mit einem verworfenen Siebenmeter ins
Spielprotokoll eintragen. Rechtsaußen Bartsch schien zu versuchen, dem
gegnerischen Torhüter mit seinen Würfen die Beine zu brechen – was ihm zum Glück
nicht gelang. Anders ist es nicht zu erklären, dass er trotz mehrfacher
Ermahnung seines Trainers immer dorthin warf, wo der Torhüter schon stand.
Auch in der Abwehr kam Humboldt nur schwer ins Spiel, Zweikämpfe
wurden zu spät angenommen oder gar nicht erst geführt, das Rückzugsverhalten
mancher SSG-Recken hatte diesen Namen nicht verdient, eher sollte man von Rückzugsverweigerung
sprechen. Ein weiser Mensch sagt einst: „Wenn wir nicht im Angriff sind, dann sind
wir in der Abwehr.“ Verinnerlicht scheint dies bei Humboldt noch nicht zu sein.
Nach zwanzig Minuten führte Blau-Weiß mit 7:13, die erste
Hälfte war für Humboldt zum Sterben zu viel, zum Leben zu wenig. Dazu kassierten
die Gastgeber drei Zeitstrafen, oder wie ein betroffener Spieler sagen würde: „Come
on.“ Lediglich Lindenau konnte mit zwei entschärften Siebenmetern und einigen Paraden
die Mannschaft im Spiel halten. Beim Stand von 11:16 ging es in Pause, vergleicht
man das Spiel mit einem Marathon, so war der Rücken von Blau-Weiß für Humboldt
schon nicht mehr zu sehen. Sollte man schon den Kopf hängen lassen?
Wer nun denken würde, dass mit Beginn der zweiten Hälfte ein
Ruck durch die Mannschaft gehen würde, der wurde enttäuscht: Blau-Weiß
hielt die ersten Minuten den Vorsprung und konnte ihn sogar leicht ausbauen.
Doch dann, Schritt für Schritt, Angriff für Angriff, wendete sich das Blatt: Die
Gäste kamen aus dem Rhythmus. Und Humboldt nutzte das, holte sich
Selbstvertrauen in der Abwehr und münzte das zu Toren um. Dabei stach besonders
Abwehr-Endgegner Engelhard hervor. Es sollte das eintreten, was Feingeist
Filter, immer bekannt für seine skalpellscharfen Analysen, schon in der ersten
Hälfte angekündigt hatte: „Die Halle ist rutschig, wir sind griffig.“ So
mancher Motivationskünstler in der Präsidentenlounge bekäme Herzensaugen, wenn er diese Worte gehört hätte.
Minute für Minute, Tor für Tor arbeitete sich Humboldt heran: Aus einem 13:19 wurde ein 17:20, daraus wurde ein 21:22. Plötzlich war Blau-Weiß
nicht mehr nur in Sichtweite, nein, die Mannschaft warf sich Stöcke zwischen
die eigenen Beine, stolperte, fiel hin, ärgerte sich über sich selbst. Und was
machte Humboldt? Einfach vorbeilaufen und entspannt ins Ziel einlaufen? Nein,
das wäre zu einfach.
Die SSG war im full-risk-no-reward-Modus, nutzte 100%ige
Chancen nicht, warf Bälle ins Aus, verteidigte Konter nicht mehr. Lediglich dem
eingewechselten Torhüter Röhle war es zu verdanken, dass in den letzten acht
Minuten des Spiels Blau-Weiß kein Tor mehr werfen konnte. Beim Stand von 23:24 rund
90 Sekunden vor Schluss nahm Chefstratege Sander eine Auszeit. Ein Punkt ist
besser als keiner, so die Ansage. Nur einer hatte da wohl nicht richtig zugehört.
Denn Kunert hatte andere Pläne. Er suchte im folgenden
Angriff die Lücke in der gegnerischen Abwehr, fand sie, holte aus, warf, traf. Ausgleich,
noch 59 Sekunden zu spielen. In der Abwehr wartete er auf den richtigen Moment,
Blau-Weiß im Ballbesitz, ein Pass, ein kurzer Antritt von Kunert, eine
Fingerspitze am Ball, und schon rollte der Konter. Der Führungstreffer und
damit der Entstand vom 25:24.
Letztlich waren es also glückliche zwei Punkte, die die SSG einholte,
hilfreich für den Rest der Saison sollten sie dennoch sein. Das nächste Spiel
findet am Sonntag um 17 Uhr gegen Pfeffersport II in der Christburger Straße 7
statt.
SSG Humboldt: Lindenau, Röhle (beide Tor), Dessau (1), Kaps, Bartsch (2), Engelhard (2),
Neetzow (9/3), Hessenius (1), Filter (2/1), Mogwitz (2), Kunert (6/1), Sieber